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7 Okt. 2025

Produktionsprogramm: Das Versprechen, das sich eine Fabrik selbst gibt

Der Vertrieb will 800, die Linie schafft 650. Erfahren Sie, wie ein Produktionsprogramm entscheidet, was hineinkommt, warum dieselbe Stückzahl eine Linie überlasten kann und wie Zeitzäune funktionieren.

Isometrische Illustration zu Produktionsprogramm: Das Versprechen, das sich eine Fabrik selbst gibt

Der Vertrieb kommt mit einer Zahl in die Planungsrunde: 800 Stück im nächsten Monat. Die Produktion antwortet mit einer anderen: Die Linie schafft 650. Irgendjemand muss eine Zahl in den Plan schreiben, und diese Zahl steuert Einkauf, Personaleinsatz und jeden Liefertermin der nächsten vier Wochen.

Diese Zahl steht im Produktionsprogramm (MPS, Master Production Schedule): dem Plan, der festlegt, welche Fertigerzeugnisse oder wichtigen Baugruppen das Werk in welcher Menge und in welcher Woche fertigt. Es liegt zwischen der Prognose und der detaillierten Maschinenbelegung. Man kann es als das Versprechen sehen, das sich eine Fabrik selbst gibt.

Das Produktionsprogramm ist ein Reservierungsbuch, kein Wunschzettel

Ein Restaurant mit 60 Plätzen nimmt für 20 Uhr keine 80 Gäste an, nur weil 80 Leute angerufen haben. Es reserviert 60 Plätze und bietet den übrigen einen späteren Tisch an. Das Reservierungsbuch ist keine Liste der Nachfrage. Es hält fest, was die Küche zu kochen zugesagt hat.

Das Produktionsprogramm funktioniert genauso. Prognose und Auftragsbestand sind Eingangsgrößen, das Produktionsprogramm ist die Entscheidung. Alles, was danach kommt (MRP, Einkauf, Werkstattplanung), behandelt es als gesetzt.

Rechenbeispiel: 800 angefragt, 650 machbar

Schritt 1: Nachfrage aufteilen. Von den 800 Stück sind 520 feste Kundenaufträge und 280 Prognose.

Schritt 2: Verfügbaren Bestand abziehen. Im Lager liegen 60 fertige Einheiten, für niemanden reserviert. Zu fertigender Bedarf: 800 − 60 = 740.

Schritt 3: Mit der Kapazität vergleichen. 740 benötigt, 650 machbar. Lücke: 90 Stück.

Schritt 4: Zuerst die festen Aufträge absichern. Alle 520 kommen ins Programm. Damit bleiben 650 − 520 = 130 Plätze für Prognosebedarf, gegenüber 280 − 60 = 220 noch ungedeckten Prognoseeinheiten. 220 − 130 = 90 Stück passen nicht hinein.

Schritt 5: Einen Platz für sie finden. Im Produktionsprogramm des Folgemonats stehen 550 Stück bei derselben Kapazität von 650, also sind 100 Plätze frei. Der Vertrieb sagt die 90 Prognoseeinheiten für den nächsten Monat zu.

Endgültiges Produktionsprogramm: 650 in diesem Monat, 550 + 90 = 640 im nächsten. Hinter jeder Einheit steht Kapazität, und der Vertrieb weiß heute, nicht erst am 28., welche 90 Stück sich verschieben.

Eine Samstagsschicht oder ein Lohnfertiger wären ebenfalls Optionen gewesen. Entscheidend ist, dass jemand bewusst wählt, bevor der MRP-Lauf startet. Ob Prognoseeinheiten überhaupt vorproduziert werden sollten, ist eine eigene Frage, beantwortet im Beitrag Auftragsfertigung oder Lagerfertigung.

Gleiche 650 Stück, anderer Monat

„650 pro Monat“ verbirgt eine Annahme: den üblichen Produktmix. Der eigentliche Engpass ist hier die Beschichtungslinie mit 400 Stunden pro Monat. Standardeinheiten brauchen je 0,4 Beschichtungsstunden, Premiumeinheiten 1,2 Stunden.

  • Üblicher Monat: 500 Standard + 150 Premium. Belastung der Beschichtung: 500 × 0,4 + 150 × 1,2 = 200 + 180 = 380 Stunden. Passt.
  • Ein Monat mit viel Premium: 350 Standard + 300 Premium. Belastung der Beschichtung: 350 × 0,4 + 300 × 1,2 = 140 + 360 = 500 Stunden. Das sind 100 Stunden zu viel, 25 % mehr, als die Linie hat.

Gleiche 650 Stück: Ein Monat passt, der andere nicht. Deshalb wird ein Produktionsprogramm in Stunden auf den Schlüsselressourcen geprüft, nicht nur in Stück. Die Grobkapazitätsplanung (RCCP) erkennt das in wenigen Minuten.

Zeitzäune: gefroren, angetaut, flüssig

Ein Produktionsprogramm, das sich täglich ändert, ist kein Versprechen. Eines, das sich nie ändert, ignoriert die Kunden. Zeitzäune teilen den Horizont so, dass beide Seiten die Spielregeln kennen. Planer beschreiben sie gern wie Wasser:

  • Gefroren (etwa die nächsten 1–2 Wochen). Material ist ausgegeben, Aufträge sind gestartet. Änderungen brauchen die Freigabe einer Führungskraft, denn jede kostet Rüstvorgänge, Eilmaßnahmen oder Ausschuss.
  • Angetaut (etwa Woche 3–6). Material ist bestellt, aber noch nicht alles eingetroffen. Tausch innerhalb einer Produktfamilie ist in Ordnung, wenn Material und Stunden vorhanden sind.
  • Flüssig (danach). Alles darf sich bewegen.

Eine brauchbare Faustregel: Die gefrorene Zone ist mindestens so lang wie die Zeit von der Auftragsfreigabe bis zur Fertigstellung, und die angetaute Zone deckt Ihre längste Wiederbeschaffungszeit für Zukaufmaterial ab. Bei Zulieferern mit knappen Kundenabrufen, etwa den Werken aus dem Beitrag zur Produktionsplanung in der Automobilindustrie, ist die gefrorene Zone oft vertraglich festgelegt.

Mythos: „Einfach den vollen Bedarf einplanen, das System regelt den Rest“

Das fühlt sich sicher an, weil niemand ein „Nein“ hören muss. Aber die MRP rechnet mit unbegrenzter Kapazität, also plant sie Material für alle 800 Stück, als könnte die Linie 800 fertigen. Der Einkauf kauft für 800. Die 150 Stück, die nicht gefertigt werden können, werden zu Fehlteilen, verspäteten Aufträgen und WIP – zufällig entschieden auf dem Shopfloor statt bewusst in der Planungsrunde.

Ein überladenes Produktionsprogramm vermeidet das „Nein“ nicht. Es schiebt es nur auf, bis es teurer wird.

Monatliche Produktionsplanung: Wo das Produktionsprogramm hingehört

In den meisten Werken wird das Produktionsprogramm monatlich überprüft, direkt nach dem S&OP-Meeting. Im S&OP-Prozess werden die Mengen je Produktfamilie vereinbart, das Produktionsprogramm bricht sie auf Produkte und Wochen herunter. Von dort aus ermittelt die Materialbedarfsplanung (MRP) Komponenten und Bestellungen.

Was der Planer in factory.online sieht

In factory.online kommen die 520 festen Einheiten als Kundenaufträge an, die Fertigungsbedarf erzeugen, und der Planer ergänzt die Prognoseeinheiten als geplante Fertigungsaufträge. Die RCCP zeigt, ob der Mix in die 400 Stunden der Beschichtungslinie passt, oder meldet in einem Monat mit viel Premium 500 von 400. In einem Planungsszenario verschiebt der Planer die 90 Prognoseeinheiten in den nächsten Monat und sieht die Belastung beider Monate, bevor irgendetwas freigegeben wird. Der MRP-Lauf startet dann vom vereinbarten Plan aus, sodass der Einkauf für 650 kauft, nicht für 800.

Wenn Ihr Plan eigentlich der Auftragsbestand mit Terminen ist, gehen wir ihn gern gemeinsam in einer Demo durch.

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